Fetisch

Kleine Puppe, glücksbringende Marionette, die bewegt sich an meinem Fenster, dem Winde ausgeliefert. Der Regen hält ihr Kleid, ihr Gesicht und ihre verbleichenden Hände durchnässt. Sogar ein Bein hat sie verloren. Der Ring ist ihr am Körper geblieben und mit ihm ihre Macht. Im Winter schlägt sie mit ihren kleinen, blaubeschuhten Fuß gegen das Fenster und tanzt, tanzt vor Freude, vor Kälte, um sich ihr Herz aufzuwärmen, ihr hölzernes Glücksbringerherz. In der Nacht hebt sie ihre flehenden Arme den Sternen entgegen.

Der Vater zerfallen. Nur die Mutter hat eine andere Bedeutung und darüber muss geschwiegen werden, anders.

Tieferes Schwarz in schwarzen
Fluten schlafend geborgen
freundliche Einsamkeit. Sehr

Die Kraniche ziehen aus der Kälte.
Nass in den Fingern, stehe ich im
November vergittert. Unterbrochen.

Der geteilte Mantel gilt als Symbol der christlichen Barmherzigkeit. Ein römischer Soldat mit dem Namen Martin (der Name selber leitet sich von Mars, dem römischen Kriegsgott ab), zerteilte seinen Mantel und gab einen Teil den Armen. Das Besondere an diesem Vorgang ist nicht der geteilte Mantel, sondern dieser Martin half sofort und ohne Umschweife oder Bedingungen.

Neulich, ich fuhr mit dem Auto vorbei, am Straßenrand zwei oder drei Krähen, die sich über einen toten Fuchs hermachten. Die Bauchdecke des Tieres war schon offen. Die Vögel zottelten mit ihren Schnäbeln die Innereien heraus. Als das Auto sich näherte wollten sie nicht ablassen, flogen dann aber dann doch aus Angst weg. Zwei von ihnen hatten während des Fluges noch ein Stück des Darms im Schnabel. Der Fuchs hing wie am Band, welches immer länger wurde und blieb freilich liegen. Ob das Tier noch am Leben war,konnte ich im Vorbeifahren nicht feststellen. Möglich ist es. Tiere töten nicht in jedem Fall. Der Falke stürzt sich im Flug von oben auf die sich auch im Flug bewegenden Tauben. Er dreht das Opfer mit seinen Krallen mit dem Bauch nach oben und hackt sich das zarte Brustfleisch zum Verzehr aus diesem armen Tier. Danach lässt er ab und die Taube stürzt zu Boden und versucht dort noch zu entkommen.
Auf einem Stoppelfeld rannte vor ein paar Wochen ein kleiner Hase wie wild im Kreis und kam nicht vorwärts. Unweit des Schauspiels hielten sich ebenfalls Krähen auf. Eine von ihnen stürzte sich auf ein anderen Hasen, krallte sich kurz ihn ihm fest, kreischte und ließ wieder von ihm ab. Danach rannte auch dieser kleine Hase sinnlos im Kreis. Die Krähen hacken diesen Feldhasen die Augen aus und bewahren so ihre Nahrung auf. Die Hasen können nicht mehr weg, später werden sie dann verzehrt.

Am Dorfeingang, neben der Luthereiche, auf dem Sportplatz wieder ein paar Runden gedreht. Das Laufen bereitet dem Körper schmerzhafte Schwierigkeiten. Entschädigt werde ich von der frischen Luft. Es ist triefend nass überall, ohne dass es regnet. Weiter als fünfzig Meter kann man nicht sehen. Entsprechend tasten sich die Autos durch das Dorf. Man ist allein in diesem Nebel, alle Details werden nur für mich sichtbar, denkt man und so täuscht man sich.

Gestern vor einem Monat, am 07. Oktober ist um 13:46 Uhr meine Mutter im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara zu Halle meine Mutter gestorben. (Es stimmt nicht, dass Alleinsein stark macht, man muss die Hand eines Anderen halten können. (Ingmar Bergmann))

Den Tag mit ein paar Runden um den Sportplatz begonnen. Nach dem für mich schlimmen Monat Oktober muss ich wieder Tritt fassen. Auf dem kaltem Rasen des Fußballfeldes und der nassen Luft war es wie ein durch Nebel stocherndes Suchen nach neuem Halt. Die Mutter zu verlieren ist nicht leicht. Nachdem ich merkte, dass ich gegen den Ausnahmezustand meiner Seele nicht ankommen kann, habe ich es über mich ergehen lassen.

Am Nachmittag dann eine schon lange geplante Verabredung mit dem Pfarrer des Dorfes wahrgenommen. Kurzes Gespräch über die Gemeinde und deren Mitglieder bei zwei Tassen Kaffee in einem von seinen zwei Arbeitszimmern. Das Zimmer wurde neben den Büchern von zwei Tilman Riemenschneider Duplikaten beherrscht. Daneben einige Poster mit abgebildeten Plastiken von Ernst Barlach. Auch hatte er in diesem Zimmer ein Stehpult. An diesem schreibt er seine Predigten, immer mit der Hand. Er brauche die sinnliche Erfahrung beim Vorgang des Schreibens. Diese Sinnlichtkeit setzt sich als Lebendigkeit und Tiefe im Vortrag an den Sonntagen auf der Kanzel fort. Als Zuhörer und Zuschauer spürte ich immer eine Lebendigkeit und Tiefe, nun weiß ich woher das kommt. Irgendwo erzählt Ernst Jünger begeistert in seinen Tagebüchern, dass er einen Bauern in Niedersachsen besucht hat über dessen Tisch der Spruch stand: Auf diesen Tisch kommt kein gekauftes Essen.

Nach langer Zeit das erste Mal gelaufen. Jeden Tag schob ich das vor mir her. Faulheit und Trägheit konnte ich einige Zeit hinter einem schmerzendem Knie verstecken. Aber seit ein paar Wochen, eigentlich Monaten, ist das schlechte Knie wieder in Ordnung. Belohnt wurde ich an diesem sehr milden Septembermorgen von einem herrlichen Sinnerlebnis am Waldrand. Der Herbst legt sich nässend auf alles, was dort wächst und die Feuchtigkeit treibt die unterschiedlichsten Gerüche allerlei Pflanzen in die Luft. Auf der Koppel nebenan grasen die Pferde die letzten Möglichkeiten von der Wiese ab. Bald werden sie eingestellt. Keine Menschenseele weit und breit. Aus dem Dorf die Glocken, sieben Uhr. Am Ende einen Gruß an eine schwitzende Walkerin.

Nussbaum